Prättigauer & Herrschäftler

Heidi Wyss

 

Für 24 Stunden auf und davon in den Rätikon

Im Rahmen der vierten Ausgabe der «24h-Wanderung im Rätikon» vom 16./17. August 2013 waren für die über 100 Teilnehmenden viele neue Wege im Montafon zu entdecken. Die Wandergruppe Ueli Hew, welche die Route über die Lünerkrinne wählte, genoss einen wundervollen Sonnenuntergang, den funkelnden Sternenhimmel, einen erfrischenden morgendlichen Regenschauer und eine zuvorkommende Gastfreundschaft auf den Hütten.

Freitagabend, 16. August. Nach und nach finden sich die 108 Teilnehmenden der vierten 24h-Wanderung im Gasthaus Post in Schuders ein, wo sie vom Küchenteam mit einer schmackhaften Pasta verwöhnt werden. Punkt 19 Uhr starten die sieben Gruppen, welche eine Nacht und einen Tag beinahe pausenlos im Rätikon unterwegs sein werden. Die Wege führen über sechs verschiedene Routen, das Ziel befindet sich für alle am Ausgangspunkt in Schuders. «Unter dem Motto „Neues entdecken im Rätikon“, wollen wir abschalten und geniessen», erklärt Bruno Flütsch. Er hat die Gesamtleitung als Bergführer inne und koordiniert gemeinsam mit Post-Wirt Walter Tschopp auch die vierte Ausgabe der Rundwanderung. Während Bruno die anspruchsvolle Route ins Innertal führen wird, steht unsere Gruppe, welche den Weg über die Heinrich Hueter Hütte gewählt hat, unter den Fittichen von Ueli Hew, auch er ein erprobter Bergführer. Ueli und Walter, unseren Helfer, mitgezählt, sind die fünf Männer in unserer 18-köpfigen Gruppe eindeutig in der Minderheit.

Gastfreundlich hüben wie drüben
Unsere Route führt uns über Falvanja, wo wir einen wundervollen Sonnenuntergang beobachten dürfen, über das Girenfürggli hinauf zur Golrosa. Langsam bricht die Dämmerung herein, das Wetter scheint zu halten, was MeteoSchweiz verspricht. Vor der Golrosahütte empfängt uns Reto Meier zu vorgerückter Stunde mit einem verführerischen Immihüngler. Wir sind die letzte Gruppe, welche seine Alp passiert. Nun kann sich der sympathische Seewiser Jungviehhirt zu seiner verdienten Nachtruhe zurückziehen. Wir machen uns auf die Socken, überschreiten am Gafalljoch die Grenze ins Montafon und erreichen um Mitternacht herum den Lünersee, welcher in der Dunkelheit kaum auszumachen ist. Von einem funkelnden Goldschatz keine Spur! Dafür servieren uns die jungen Damen in der Douglasshütte die warme Gulaschsuppe auch in der Nacht um halb eins noch mit einem freundlichen Wort und einem Lächeln auf den Lippen. Nicht nur unser guter Hartmut gerät ins Schwärmen, wir alle sind begeistert von der Gastfreundschaft unserer österreichischen Nachbarn. Auch ein Kaffee liegt noch drin und dann heisst es: weiter im Marschplan.

Sternenfunkeln in der Lünerkrinne
Wir verlassen die heimelige Douglasshütte und nach wenigen Minuten zweigen wir vom Uferrundweg ab und nehmen den Pfad in Richtung Lünerkrinne. Den Aufstieg zum Passübergang gehen wir eher gemächlich an. Präsentierte sich der Himmel unten beim See kurzzeitig wolkenverhangen, ist er hier auf 2155 m.ü.M. sternenklar. Ueli Hew erweist sich auch in Bezug auf die Gestirne als wahrer Experte. Der Bergführer zeigt uns die Milchstrasse, macht am nördlichen Himmel den grossen Wagen und den Polarstern aus. Der helle Stern Capella ist der Hauptstern im Sternbild Fuhrmann. Im Westen ist der Adler erkennbar und im Zenit des Sternenzeltes steht die Kassiopeia. «In der Nähe des Sternhaufens der Pleijaden sollte der Stier zu finden sein, den kann ich jedoch nicht orten», bekennt Ueli. Am liebsten würden wir jetzt da unter freiem Himmel in einen Schlafsack kriechen und doch wenden wir uns der Alpe Lün zu. An Legföhren und Eisenhut vorbei nähern wir uns gegen 03 Uhr der Heinrich Hueter Hütte, wo alles ruht. Die Hütte liegt auf 1766 m.ü.M. und ist nicht nur Wanderziel, sondern auch Ausgangspunkt für alpine Klettertouren auf die Zimba und den Saulakopf. Eine Kuh blinzelt im Lichtstrahl unserer Stirnlampen. In der nahen Alpe Vilifau bellt ein aufmerksamer Hund. Wir setzen uns vor die Hütte, wo wir uns möglichst leise eine kurze Zwischenverpflegung gönnen, bevor wir zügigen Schrittes dem 300 Meter tiefer liegenden Rellstall zulaufen.

Die «stille Stunde»
Nach Rellstall führt die Route bergan zur Plazisalpe. Gleichmässig und stetig steigen wir den Waldpfad hinauf. Nach und nach verstummen die Gespräche und auch die Gedanken an die Kilometer, welche noch vor uns liegen, rücken in den Hintergrund: einfach nur sein und einen Fuss vor den andern setzen. «Ganz von selbst, ohne Absprache, hat sich da zwischen heute und morgen eine „stille Stunde“ eingeschlichen», denke ich später.
Noch im Skigebiet Grüneck kann man den Tagesanbruch ausmachen. Dann die Überraschung! Die ersten Regentropfen fallen vom Morgenhimmel. Na ja, dazu haben wir einen Regenschutz eingepackt. «Ein feines Morgenrägeli», meint Ueli, während Claudia eher an einen verregneten Samstag glaubt. Obwohl sich der Himmel in den nächsten Stunden mehrheitlich trüb präsentiert, bleibt die Stimmung anhaltend positiv. Auf dem Weg zur Unter Sporaalpe können wir uns der Regenjacke wieder entledigen. Dafür drängt sich nun langsam der Wunsch nach einer Tasse Kaffe in den Vordergrund. Morgenessen gibt es in der Lindauerhütte. Ob die noch weit entfernt ist? «Hinter der nächsten Kehre sieht man sie bereits.» Walter wiederholt sich mehrmals, wohl selbst vom Wunsche beseelt. Als die Pferde in der Latschätzalpe gar zu stürmisch auf unsere Wanderinnen zu galoppieren, da ist unser rettender Helfer dann jedoch zuverlässig zur Stelle.




Kaiserfrühstück, Aprikosenkuchen
Um 08 Uhr erreichen wir endlich die Lindauerhütte. Auch hier werden wir sehr zuvorkommend bedient. Der aromatisch duftende Kaffee, das frische Brot, die feinen Semmeln, Butter, Mirabellenkonfitüre und Honig – dazu Müesli mit frischem Joghurt – von so einem Frühstück auf Bergeshöhn hätte selbst der alte Kaiser geschwärmt.
Frisch gestärkt geht der Blick hinauf zu den drei Türmen mit der mächtigen Sporenplatte. Rund 600 Höhenmeter trennen uns vom Drusator, mit 2342 m.ü.M. ist der Übergang zwischen Drusafluh und Sulzfluh der höchste Punkt unserer Wanderung. Nach einem gemächlichen Aufstieg verlassen wir hier unser östliches Nachbarland. Auf dem Weg zur Garschinafurgga kehrt die Sonne zurück. Der Tag wird noch richtiggehend heiss. Auf der Terrasse der Garschinahütte geniessen wir einen ausgesprochen feinen Aprikosenkuchen und füllen nochmals die Trinkflaschen auf.

 

Plumpen und Prosecco
Am Garschinasee vorbei geht es dann ein Stück weit auf der Teerstrasse dem Juncker zu. Für die inzwischen doch etwas mitgenommenen Füsse ist es der beschwerlichste Abschnitt. Da sind die Aschüeler Weiden direkt wieder eine Wohltat. Eindrücklich präsentiert sich der Blick in die Schraubachtöbel am Weg nach Salfsch. Auf «Pollänä» bereitet uns Marlies Lötscher einen herzlichen Empfang mit erfrischenden Getränken, Früchten sowie Kaffee und feinen Kuchen. Hier treffen wir auch auf die «Plasseggen»-Gruppe, welche von Bergführer Forti Niederer angeführt wird. Zu dessen Team zählt auch Edwin Peters (Kilchberg/Furna). Mit seinen 75 Lenzen darf er sich im Ziel in Schuders später als ältester Absolvent der diesjährigen Tour feiern lassen. Vorerst gilt es jedoch noch, zur Sage hinabzusteigen, wo unsere Gruppe den letzten kurzen Halt einschaltet. Nach rund 48 Kilometern und 3550 Metern Auf- und Abstieg trifft die Gruppe Hew Punkt 19 Uhr geordnet und vollzählig am Ausgangspunkt in Schuders ein, wo man uns und alle Teilnehmenden mit Plumpen empfängt und feiert wie die Weltmeister. Auch ein Prosecco fehlt zur Feier des Tages nicht und obendrein werden wir noch mit einheimischen Köstlichkeiten beschenkt.

Fazit des Bergführers
«Eine starke, homogene Gruppe mit mehrheitlicher Frauenbeteiligung. Der Aufstieg von Rellstall nach der Plazisalpe war aus meiner Sicht der eindeutige Beweis, was diese Gruppe leisten kann», sagt unser Bergführer Ueli Hew später. «Vom Laufplan her waren wir immer etwas im Vorsprung, ob dies der Gruppe bewusst war, weiss ich nicht, vermute es aber und glaube, dass dies auch eine gewisse Sicherheit und Lockerheit hervorgerufen hat.» Über alles gesehen, sei es wieder ein wunderbares Erlebnis gewesen, meint Ueli: «der Abend, der Sonnenuntergang, die Nacht, ….und nicht zu vergessen die vielen kurzen Gespräche mit den verschiedensten Leuten aus den Gruppen!»

Fakten und Eindrücke OK
«Das Wetter war ideal, nur wenig Regen und glücklicherweise erst am Samstagnachmittag leistungsmindernde Wärme», stellen Walter Tschopp und Bruno Flütsch, die Hauptverantwortlichen, fest. «Die grossen Herausforderungen lagen dieses Jahr im technischen Bereich. Die Routen 2 und 3 (Spusagang und Innertal) stellten hohe Anforderungen. Diese Gruppen hatten keine Abkürzungsmöglichkeiten und waren stark gefordert, eine Gruppe der Route 2 hat sich deshalb um 1,5 Stunden verspätet. Die Stimmung war aber sehr gut.» Wie die Organisatoren weiter festhalten sind von 108 Teilnehmenden in diesem Jahr nur deren 3 ausgeschieden. Die Gründe dafür waren Erschöpfung, Übelkeit sowie eine Muskelansatzentzündung. Einige Teilnehmer litten unter den Auswirkungen der Sommergrippe, die derzeit im Prättigau herumgereicht wird. «Dass der ganze Anlass überhaupt stattfinden kann, ist nur möglich, weil so viele Frauen und Jugendliche aus dem Dorf und der Umgebung mithelfen», hält Walter abschliessend fest. Ihnen allen auch von Seiten der Wanderer ein grosses Mercie! Nach der Wanderung der Hengert: Am Samstag, 24. August sind Helfer und Wanderer ab 21 Uhr zum eintrittfreien Konzert mit der bekannten Rock n’Roll-Band “Hampe & the Charms” eingeladen. Die 5. Ausgabe der 24h-Wanderung soll dann am 8. August 2014 stattfinden. Informationen folgen im Herbst. (hw)