24 stimmungsvolle Stunden im Rätikon

(Heidi Wyss, Ptättihauer&Herrschäftler, 11.8.2012)

Die dritte «24-h-Wanderung im Rätikon» vom 3./4. August 2012 führte über verschiedene, teilweise auch neue Routen. Nach Regen und Nebel am Abend, stand die Gruppe Bruno Flütsch bei Sonnenaufgang auf dem Gipfel der Schijenflue – für 14 Leute nicht nur der höchste Punkt der Tour, sondern auch das höchste der Gefühle. Müde, aber glücklich, kehrte die Gruppe am Samstagabend vollzählig an den Ausgangspunkt nach Schuders zurück.

 

 

Freitagabend. Kurz vor 19 Uhr. Nach einem schmackhaften Teller Pasta im Berggasthaus «Post», gefolgt von Kaffee und Kuchen, den wir natürlich auch nicht verschmähen, geht es endlich los. Die rund 80 Teilnehmerinnen (in der Überzahl) und Teilnehmer der  dritten 24-h-Wanderung werden in sechs Gruppen auf verschiedenen Routen eine Nacht und einen Tag fast pausenlos im Rätikon unterwegs sein. Die Stimmung ist heiter, der Wetterbericht verspricht «geringes Gewitterrisiko, ab und zu Sonne, am Samstag vielleicht ein paar Tropfen, keinen Dauerregen». «Das Wetter findet statt. Unser Motto lautet: abschalten und geniessen», erklärt der erfahrene Bergführer Bruno Flütsch. Er hat die Gesamtleitung als Bergführer inne und er wird unsere 13-köpfige Gruppe durch dick und dünn, sprich bergauf und bergab, führen. Wir zwei Furnerinnen zählen unter den sieben Frauen und sechs Männern offensichtlich zur älteren Garde. «Unser Ziel ist ein gemeinsames Wandererlebnis. Wir nehmen an keinem Wettkampf teil», macht Bruno klar. Er gehe voraus und bestimme das Tempo. «Ist dieses jemandem zu langsam, soll er die einmalige Umgebung umso mehr geniessen.». Diese Ausgangslage kommt Claudia und mir entgegen, schliesslich sind wir keine Zwanzig mehr.

 Regen, Nebel und warme Suppe

Unsere Route führt uns runter zur Schuderser Säge, rauf nach Salfsch und weiter über Aschüel nach St. Antönien. Kurz nach der Hängebrücke, im Chleibachtal, setzt im Wald die Dämmerung ein. Überraschung um 21 Uhr: es donnert und blitzt, die ersten schweren Tropfen fallen. Dem Wetterbericht zum Trotz, sind wir bereits nach zwei Wegstunden genötigt, die Regenjacke auszupacken. «Der Regen wird wohl nicht lange anhalten», denke ich optimistisch, während ich mir den ersten Getreideriegel genehmige und einige Traubenzucker in die Jackentasche stecke. «Wir montieren die Stirnlampen», fordert uns Bruno auf. Weiter geht’s! In der Alp fällt ein Lichtschein aus dem Fenster. Da drinnen wäre es jetzt schön trocken. Der Marsch auf dem weichen Hochmoor-Teppich, eingehüllt in den Nebel, der nebst den Kuhglocken, alle Geräusche ausser unseren eigenen, schluckt, hat jedoch auch seinen Reiz. Gegen 11 treffen wir in St. Antönien ein, wo uns Regula und Hubert im «Rhätia» eine warme Suppe auftragen, welche die Knochen wärmt und die Seele aufpäppelt. Ein Kaffee erweckt die Lebensgeister vollends.

Nicht nur wir sind nachtaktiv

Mitternacht. Der Regen hat praktisch aufgehört. Auf dem Wanderweg nach Gafia stellen wir verwundert fest, dass wir bei Weitem nicht alleine unterwegs sind in dieser Nacht. Praktisch auf Schritt und Tritt leuchten unsere Stirnlampen einen, bisweilen auch zwei «Quatterpeetschis» an. Nach dem Regen kriechen die Alpensalamander hervor. So viele von den schwarzen Tierchen habe sie seit Kindertagen nicht mehr gesehen, meint Claudia. «Vielleicht haben die ihre Aktivität einfach auf die Nachtstunden verlegt, seit die Menschen sich tagsüber so zahlreich fortbewegen», philosophiere ich. «Oh, weh, was habe ich jetzt zertreten?» Die Nacht ist voller Geheimnisse. Einige hundert Meter weiter oben kriecht eine Schnecke samt Haus über den Weg. Mir geht ein Licht auf, was ich vorhin angestellt habe.

 Mond, Sterne und Lampen

Die Betonpiste, welche die Schollbergmeder erschliesst, erweist sich bei Nacht als der eintönigste Abschnitt. Die Gespräche werden weniger. Roman, als Jäger ansonsten gewohnt, in der Dunkelheit herum zu stapfen, droht, aufrecht gehend einzuschlafen. Wir Frauen nehmen die Gespräche wieder auf und der Trimmiser schüttelt seine Schläfrigkeit ab. Durch die Weiden im Grosslaub gehen wir in Einerkolonne. Meike, unsere umsichtige Helferin, geht am Schluss. Sie schliesst jeden Viehzaun gewissenhaft wieder zu. Die Steinplatten sind glitschig. Also weichen wir ihnen möglichst aus. Autsch! Da habe ich ein Loch erwischt. Füsse und Stirnlampe zeigen gegen den Himmel. Es ist nichts passiert, nur die Hose, die ist jetzt nasser als zuvor. Erst am Sonntag wird mich die linke Schulter zur Salbe greifen lassen. Jetzt blendet irgendein Mechanismus den Schmerz wohl aus. Dafür entdecken wir nun Lichter auf der Sulzfluh. Eine Gruppe steht also bereits auf dem Gipfel. Wir wenden uns Plasseggen zu, während der Mond sich immer öfter vor die Wolken kämpft. Morgens um 5 Uhr überschreiten wir am Plasseggenpass die Grenze nach Österreich. Franz, unser pensionierter Churer Schuldirektor, macht im Dunkeln den Namen seines Namensvettern, des alten Kaisers aus, der ihm sichtlich Auftrieb gibt. Ich hole mir neue Reserven, indem ich eine halbe Rittersport-Schokolade verdrücke – Schokolade zum Frühstück!

 Der Tag erwacht

«Noch dreihundert Höhenmeter», sagt Bruno am Einstieg zu «unserem Berg». Sieht steil aus von hier unten. Zweifel kommen auf: «schaffe ich mit meiner Höhenangst anschliessend auch den Abstieg?» Bruno gibt Entwarnung: «Nach 50 Metern ist das ärgste Steilstück vorbei.» Meine Blockade im Kopf löst sich. Ich knipse die Stirnlampe aus und steige langsam hinter den Andern hoch. Um 6 Uhr stehen wir auf dem Gipfel. Unter uns ist das Nebelmeer – ringsum erstrahlt der Himmel in goldgelb und orangerot, die verschiedensten Blau- und Grautöne könnte kein Maler besser einfangen. Mit einem Schlag ist die Mühsal der vergangenen Stunden wie weggeblasen. «Wir stehen auf der Schijenflue, auf 2625 Meter über Meer», verkündet Bruno. «Sie hat sich einfach mehr aufgedrängt, als die Wiss Platte», meint er lachend. Dafür schweift der Blick nun zur Wiss Platte hinüber. Der folgende Abstieg gestaltet sich weit weniger schwierig, als ursprünglich gedacht. Unten angekommen, sind es nur noch zwei Kilometer Luftlinie bis zur Tilisunahütte, wo das grosse Frühstück bestellt ist.

 Man hilft einander

Die Kraft der Sonne nimmt zu. Die vielen Alpenblumen, welche von jetzt an unsern Weg säumen, recken ihre Köpfe. In der Tilisunahütte sprechen wir dem Frühstück mit viel Kaffee zu. Eine freundliche Dame füllt uns die Trinkflaschen mit Wasser auf. Als wir aufbrechen, fallen Regentropfen. Nicht zum letzten Mal an diesem Tag, packen wir die Regenjacke aus. Wie sich herausstellt, bleiben wir jedoch den ganzen Samstag über von Niederschlägen verschont. Eine letzte Herausforderung bietet der Gruobenpass, der an einigen Schlüsselstellen sehr glitschige Felspassagen aufweist. «Nimm dir die Zeit, die du brauchst», sagt Meike hinter mir. Zudem hilft man sich gegenseitig. Roman nimmt uns «älteren Frauen» die Stöcke ab, wo sie hinderlich sind, und an den schwierigsten Stellen wartet Bruno und leistet Hilfestellung. So erreichen wir die Carschinahütte ohne Zwischenfälle. Auch Katja schafft es dank Kniestützverband schliesslich aus eigener Kraft zurück nach Schuders. Zuvor treffen wir im Grüscher Älpli bei der Kletterhütte Parduz auf die Gruppe «Lippi». Dem angebotenen Bier vermag ich nicht zu wiederstehen, auch wenn es gekoppelt mit der nun sengenden Hitze, eine gewisse Trägheit hervorruft.

 Kuhglocken und Prosecco

Kehre reiht sich an Kehre. Nach weiteren zwei Stunden und insgesamt rund 46 Kilometern, treffen wir pünktlich nach 24 Stunden am Ausgangspunkt ein. «Gemeinsam haben wir unser Ziel erreicht», freut sich Bruno. Die Daheimgebliebenen empfangen uns mit Kuhglockengeläut und mit Prosecco. «Da kommt mir Hühnerhaut», sagt Bettina. Sie ist nicht die Einzige, die überwältigt ist. Nun wird mir erst richtig bewusst, dass ich ohne Schrammen, ohne nasse Füsse und sogar ohne Blattern durchgekommen bin.

 Nachlese und Ausblick

«Die Ausgabe 2012 war definitiv keine „Schönwetterwanderung“ und für die meisten eine grosse Herausforderung», stellen Walter Tschopp und Bruno Flütsch, die Hauptverantwortlichen, fest. «Regen und Nebel, aber vor allem das glitschige Gelände haben alle gefordert, einige kamen an ihre Grenzen. Das Teilnehmerfeld war breiter, nicht alle haben sich selber richtig eingeschätzt, aber „durchgebissen“, wie Hitsch Bardill sagt.» Ausgestiegen sind 7 Personen, 4 mussten sich in ärztliche Kontrolle begeben. Ernstlich verletzt wurde niemand. «Die Bergführer hatten die Order, die Route den Zeitverhältnissen anzupassen, was infolge Nebel, Blitzschlag und Gewitter auch nötig war. Bei der 24-h-Wanderung vom 16./17. August 2013, welche unter dem Thema „Neues entdecken“ stehen wird, werden wir die Strecken mit T2 bis T6 kennzeichnen. Wir überlegen uns auch eine Checkliste, damit man weiss, was auf einen zukommt.» Neues entdecken, wird heissen, die Montafoner Gebiete nördlich der Schesaplana oder der Kirchlispitzen kennen zu lernen oder auf Schmugglerpfaden zu wandern. Es kann aber auch bedeuten, mit einem Geologen, Biologen oder Wildkenner unterwegs zu sein. «Wir möchten den Anlass weiterhin in einer überschaubaren Grösse durchführen und uns vor allem auf die Bergführer aus dem Prättigau abstützen. Zudem treffen wir uns diesen Herbst mit Montafoner Bergführern, mit dem Ziel, diese miteinzubeziehen.» (hw)

Gipfel der Gefühle

Die Gipfel im Vollmond waren diesmal Schwerpunkt der dritten «24h-Wanderung Rätikon» vom vergangenen Wochenende. Anspruchsvoll für die über 80 Teilnehmer bei instabilem Wetter.

DIE SUEDOSTSCHWEIZ, 6.8.2012


Diese letzten fünf Minuten entschädigen für fast alles: Küsse, Prosecco, Kuhglockengeläut und klatschende Menschen begrüssen am Samstagabend die Rückkehrer im kleinen Bergdorf Schuders. Nach 24 Stunden wandern, schmerzen Muskeln, die man gar nicht kennt, aber bei solch einer Begrüssung spannen sich vor allem die  Lachmuskeln. Vergessen ist der elend lange Abstieg über den Bilkengrat, den die Oesterreicher als Begrüssung für die Schweizer Wanderer bereithielten oder die triefenden Alpweiden die keine trockene Haut unter Gore-Tex zulassen.
Gestartet wurde Freitagabend in sechs Gruppen, alle mit Bergführer auf unterschiedlichen Routen. Ich  in einer bunt gemixten Gruppe: von ü60-jährigen Herren bis zur Praktikantin, der Professor aus Zürich  neben der Bäuerin aus dem Prättigau. Gespannt und hoffnungsvoll, denn der Wetterbericht verspricht eine trockene Nacht. Es kommt aber schon nach zwei Stunden über die Gruppe,  wie immer an diesen Sommerwochenenden, nass und grau. Man sieht keine 10 Meter mehr und Donnergeräusche machen einem hilflos, nur gut, dass wir einen erfahrenen Bergführer dabeihaben, der findet den Weg auch wenn es graunassdunkel ist. In dieser grauen Brühe erwartet uns vor Mitternacht die Anna in der  Alphütte mit Kartoffelsuppe. Ueli der Bergführer findet auch Anna und diese wartet mit Suppe und spöttischem Lächeln: «Gscheiter  wäre doch eher Bier und ein warmes Bett, statt im Dunkeln umher-zu-tappen?» Keine neue Frage, die ersten Engländer in unseren Alpen mussten sich von den Bauern dieselben Fragen gefallen lassen.
Das Ziel von Bergführer Ueli sind 4 Gipfel in einer Vollmondnacht, mit dem Chüenihorn als höchstem Gipfel (2412ü/M.) ob St. Antönien. Das Wetter ist nun besser, der Nebel unter- und der Vollmond oberhalb. Das unwegsame Gelände, das nasse Gras und die kniffligen Gratpartien lassen die Gruppe stocken, bei manchem vielleicht auch die Höhenangst. Der erfahrene Führer befiehlt die Stirnlampen anzuknippsen: das Blickfeld verringert sich auf zwei Meter, die Tiefe kann die Seele nicht mehr fressen. Als Belohnung bietet sich auf dem höchsten Gipfel nun ein Panorama der Konturen, von Gelb über Moosgrün bis Dunkelschwarz und wie im Winter ein Nebelmeer über dem «Unterland».
Der zweite Teil bei Tag gehört dem Montafon ennet der Grenze. Man sieht nun, wo man hinsteht, das macht die Sache aber nicht leichter, nun sind die Füsse schwerer. Der Körper zwickt da und dort. Meniskusse heulen auf, aufgeweichte Füsse wünschen sich mehr Platz und der eine oder andere erinnert  sich an die angehäuften Pfunde. Dafür wird die Gruppe stärker, man hilft sich moralisch, medizinische Tipps werden ausgetauscht oder ein Wundermittel aus der Apotheke ausgetauscht. So erreicht man das Endziel Schuders nicht mehr als Individualist, sondern als Gruppe,  mit fast 50 Kilometern und 3800 Höhenmetern mehr in seinen Beinen.

24 Stunden durch Wind, Wetter und Selbstzweifel

 

Beinahe pausenlos 24 Stunden durch Wind und Wetter zu wandern, bringt Körper und Geist an die Grenzen. Doch wird das Gelingen
einer Tour dieses Ausmasses schliesslich nur im Kopf entschieden? Ein Selbsttest.
Von Marc Melcher/Bündner Tagblatt, 6.8.2012

 

Rund fünf Stunden vor dem Ende der 24-Stunden-Wanderung wird mir erstmals bewusst, dass es tatsächlich nicht bis nach Schuders zurückreichen könnte. Das linke Knie, das sich schon in den Stunden zuvor leicht bemerkbar gemacht hat, schmerzt plötzlich höllisch. Doch so kurz vor dem Ziel aufgeben? Dafür bin ich nicht die ganzen 19 Stunden im Rätikon auf und ab gewandert. Am Freitagabend, kurz vor 19 Uhr, sind sich alle Teilnehmer sicher: Die Wanderung ist eine Kopfsache. Gegen 80 Teilnehmer haben sich im Berggasthaus
Post in Schuders eingefunden. Sie alle werden – auf mehr oder weniger anspruchsvollen Routen – eine Nacht und einen Tag durchwandern. Als es losgeht, ist die Stimmung gut und der Lärmpegel entsprechend hoch. Witze, Sprüche und Diskussionen sorgen dafür, dass sich garantiert niemand langweilt. Und auch das Wetter scheint einigermassen mitzuspielen. Obwohl einer der Bergführer vor dem Start die wenig erheiternde Prognose «Das Wetter findet statt» abgibt, scheint es trocken zu bleiben.

Erste Krise im ersten Aufstieg
Damit ist kurz nach neun Schluss. Wie aus dem Nichts beginnt es zu gewittern. Glück im Unglück, unsere Gruppe befindet sich während des ersten Platzregens auf einer Alp und findet im Stall Unterschlupf. Der zweite heftige Regenguss trifft uns im Aufstieg zur Carschinahütte. Die feuchte Regenbekleidung und der aufziehende dichte Nebel machen zu schaffen. Kommt hinzu, dass der Weg nicht ausgebaut ist und mitten durchs Gelände führt. Die Folge ist die erste Krise. Gedanken wie «Zu Hause im Bett wärs jetzt viel schöner» drängen sich auf. Also muss eine Taktik her, um solche Gedanken zu verdrängen. Der Fokus gilt jetzt nur noch dem Zwischenziel Carschinahütte. Dort winkt nicht nur die Aussicht, die nasse Kleidung abzulegen, sondern auch eine warme Suppe.

Meditation mitten in der Nacht
Kurz nach 1 Uhr ist die Pause vorbei. Mit neuem Elan und ganz ohne mentale Schwierigkeiten beginnt der Weg auf den höchsten Punkt der Tour, die Sulzfluh. Rechtzeitig hat sich auch der Nebel gelichtet, hie und da ist der Mond zu sehen. Der Aufstieg auf den Gipfel ist steil und beschwerlich. Doch die gespenstischen Umrisse der Felsen und der Blick auf den Sternenhimmel machen die Wanderung zum Erlebnis. In der Gruppe kehrt Ruhe ein. Schritt für Schritt geht jeder im Licht seiner Stirnlampe. Schnell ist ein angenehmer Rhythmus in der Schrittabfolge gefunden, die Tour wird vorübergehend zur Meditation. Um 4.15 Uhr ist der Gipfel der Sulzfluh erreicht. Er bietet eine
unbeschreibliche Aussicht auf die Umrisse der Berge und die Lichter unten im Tal. Ein eisiger Wind verhindert aber ein längeres Verweilen auf der Sulzfluh. Der Abstieg führt über die Grenze nach Österreich und hinein in den Tag. Die Dämmerung taucht die Felsen in ein bläuliches Licht und legt den Blick auf das Nebelmeer im Tal frei. Auf einmal sind alle vergangenen und kommenden Strapazen vergessen – die Tour wird zum Genuss. Dass damit schneller Schluss ist, als die Gruppe gerne hätte, weiss zu diesem Zeitpunkt niemand. Um acht Uhr beginnt der Abstieg Bilkengrat zur Lindauerhütte, wo das Frühstück auf uns wartet. Die 400 Höhenmeter werden werden zur Tortur. Der Weg ist eng und voller Steine, die Belastung der Knie ist gross. Zu gross, wie sich später herausstellen wird. Die Verlockung der Mahlzeit im Kopf, erscheint jeder Meter unendlich lange.

Bis wirklich nichts mehr geht
Frisch gestärkt beginnen die letzten neun Stunden. Der Weg führt durchs Gauertal zurück in die Schweiz. Im Wissen, dass die Wanderung nicht mehr allzu beschwerlich wird, fühlt es sich schon an wie ein Schlussspurt. Die Freude am Wandern ist der Vorfreude auf das Ende der Tour gewichen. Auf das Bier in Schuders. Und aufs weiche Bett. Und dann meldet sich das linke Knie. Bis vor der kurzen Mittagspause
habe ich es nur in den Abstiegen leicht gespürt. Doch jetzt will es nicht mehr mitmachen. Doch aufgeben will ich nicht. Und so trete ich den letzten Abstieg vor dem endgültigen Heimweg auf einer flachen Waldstrasse an. Die Schmerzen werden immer grösser. Zuletzt kann ich das Knie kaum mehr biegen. Nach 22 Stunden muss ich abbrechen. Der Meniskus hat sich verkrampft, wie der Arzt feststellen wird. So kurz vor dem Ziel wird mir klar: Die 24-Stunden-Wanderung ist doch nicht nur Kopfsache.