Interview mit dem Arzt

Andres Schnyder, Küblis


Andres, Du warst im 2011 das erste Mal dabei, mit welchen Gefühlen bist Du nach 24h Wandern in Schuders angekommen?

Ich war sehr zufrieden, dass ich das so gut durchgestanden hatte. Es war ja eine Art Experimet mit mir selber. Ich hatte eine Art Hochgefühl dort, als alle zusammentrafen.

 

 

Wie erging es Dir am «Tag danach»?

Es ging stimmungsmässig gut, die Zufriedenheit hielt an. Ich habe viel geschlafen (hatte noch Ferien), gegessen und getrunken. Ich war aber schlaff und das Gestell tat mir überall etwas weh.

 

 

Als Arzt kennst Du wahrscheinlich Deinen Körper genauer als andere. 24 Stunden wandern, ist das nicht eine enorme Belastung für den Körper? Bist Du selber auch an Grenzen gekommen?

Enorm heisst ausserhalb der Norm: also wer läuft dann überhaupt - und das normalerweise, 24 Stunden — Spass beiseite – es ist schon eine Belastung für Psyche und Körper. Diese Belastung betrifft natürlich die Menschen mehr, die nicht auf längere Touren gehen, keinen Ausdauersport betreiben und damit wenig Erfahrung haben. Ich bin in meinem Leben schon viel gewandert, auch viele Stunden hintereinander. Damit weiss ich so in etwa, mit was für Problemen man zu kämpfen haben wird: Müdigkeit/Schläfrigkeit, Durst, Hunger – was, wo, wann, ist nicht genau vorauszusehen. Ein Vorteil dabei ist, dass die Bergführer von Anfang an klargemacht haben, dass nicht schnell marschiert wird. Man kommt normalerweise nicht ausser Atem. Wenn ein Mensch gesund ist, einen guten Trainingszustand hat, täglich oder bis 3x/Woche läuft oder Velo fährt, sich auf der Wanderung regelmässig Flüssigkeit und Nahrung in angemessenem Rahmen zuführt, ist es va. eine Frage der persönlichen Moral und des Durchhaltewillens. Auch die Gruppendynamik mit guten Führer und seinem Helfer wirken positiv.

Das Ganze ist unter diesen Umständen absolut machbar. Plötzliche, unerwartete Ereignisse - Unfälle, Krankheit, Formschwankungen, Wettereinflüsse sind natürlich immer möglich.

 

 

Welche Rolle spielt der Bergführer auf einer solchen Wanderung, die meisten wandern ja normalerweise ohne Führer?

Der Bergführer, in unserem Fall Bruno Flütsch, spielt eine entscheidende Rolle. Erstens besteht kein Zweifel, wo der Weg durchgeht; zweitens ist er selber von der Sache überzeugt; drittens hat er Erfahrung mit "Gästen", die er durch dick und dünn geleiten muss, und die er auch bei Laune halten kann.

Wenn keiner die Leitung hätte, gäbe es plötzlich zu viele selbsternannte Experten, die einander das Leben schwer machen könnten auf so einer Tour.

 

 

Zum Thema «Risiken und Nebenwirkungen»: Wem empfiehlst Du eine solch lange Wanderung nicht?

– Personen, die sich so eine Strapaze nicht zutrauen, sollten das nicht machen. Lieber noch ein Jahr warten und anfangen etwa 3x/Woche zu marschieren. Dann traut man sich das zu.

– Personen, die sich psychisch nicht wohlfühlen, sehr traurig sind, gerade etwas Schlimmes erlebt haben, nicht schlafen können - also depressive Menschen, sollten das verschieben auf ein andermal.

Personen, die ein körperliches Leiden haben, welches nicht zu einer solchen Mega-Wanderung passt, sollten verzichten. Das sind Patienten mit Herzschwäche, chronischen Lungenkrankheiten, Gelenk-, Knochen- und Muskelbeschwerden, vor allem der unteren Extremitäten.

– Personen, die keine Erfahrung mit längeren Wanderungen haben, sollten sich diese zuerst aneignen.

 

 

Während der Wanderung schien der Vollmond. Meistens war das Wandern ohne Taschenlampe möglich. Kann es sein, dass der Vollmond eine stimulierende Wirkung auf das Wandern hat?

Ich weiss nicht, wo alle gewandert sind, bei uns ist der Mond nur kurz gekommen, hat alles gespenstisch-romantisch beleuchtet und ist dann wieder verschwunden. Dann hat es leicht geregnet. Ich kann da nichts sicheres sagen. Sicher ist das Wandern bei Mondschein wunderbar. Man müsste eine Doppelblindstudie machen...

 

 

Wandern ganz allgemein ist «In», macht wandern aus medizinischer Sicht Sinn und was sind aus Deiner Sicht die wesentlichen Unterschiede zu anderen Laufsportarten?

Es ist eine bekannte Tatsache, dass Menschen, die sich mehr bewegen als andere, im Durchschnitt älter werden und gesünder bleiben.

Gegenüber den schnelleren Laufsportarten, Joggen, Langstreckenläufen und gegenüber Spielsportarten hat das Wandern den Vorteil, dass es in relativ gemütlichem Tempo abgeht. Man kann atmen, reden, umherschauen, erleben, geniessen. Natürlich kann man auch schnell wandern, das ist aber nicht das was wir meinen.

Wandern heisst, durch die Landschaft gehen, sehen, Stimmungen erleben, schwitzen, eventuell auch frieren, auch mal gefährliche Wege machen, ein Abenteuer. Gesund ist es auf jeden Fall.

Es gibt etwas weniger lokale Belastungen vom Wandern (Muskeln, Gelenke, Bänder etc.) Unfälle gibt es auch. Es hängt davon ab, was einem liegt und gefällt.

 

Zum Thema Essen: Braucht eine solche Ausdauerwanderung eine besondere Ernährung, wie hast Du Dich ernährt?

Mit niedriger Intensität der Anstrengung brauchen wir va. Energie aus dem Fettstoffwechsel. Jeder Mensch, auch der schlanke, hat genügend Fettreserven um einen Tag laufen zu können. Beim Aufwärtsgehen, auch mit Tragen eines Rucksackes, wird die Anstregung etwas intensiver und wenn es dann noch stundenlang geht, sollte man zwischendurch frische Energie zuführen.

Routinierte Läufer haben da ihre Spezialnahrung parat. Es ist aber nicht so, dass man einfach die richtigen Riegel essen muss und es ist getan - du musst es doch noch alles laufen. Bei unserer 24h-Tour, die in moderatem Tempo abläuft, kann eine recht normale Ernährung stattfinden. Dabei spielt der persönliche Geschmack und die Erfahrung eine grosse Rolle.

Ich selber habe zwei Tage vor der Wanderung etwas mehr Spaghetti/Brot/Reis gegessen, um das Glykogendepot in meiner Leber zu füllen. Damit ist Energie verfügbar.

Wenn so eine Tageswanderung gemacht wird, setzt man sich so alle 4 – 6 Stunden hin und kann etwas essen. Dafür habe ich Weissbrot gehabt, etwas Salziges, z.B. Bündnerfleisch, Käse. Damit kommt man aber nicht durch. Es braucht dazwischen noch etwas. Ich habe Dörrfrüchte (Datteln, Zwetschgen, Aprikosen) und Nuss-Stengel gehabt, auch etwas Salziges (Parmesan-Stäbchen) für Zwischendurch. Die kann man in den Mund nehmen und zergehen, man muss fast nicht kauen.

Dazu ist zu sagen, dass es günstig ist, wenn man das Essen, weiches man zwischendurch zu sich nimmt, gut verfügbar hat. Es ist nicht bequem, wenn du jedes Mal den Rucksack auf den Boden werfen musst, um darin zu wühlen. Im Hosensack ist auch nicht günstig, es gibt dann dort mit der Zeit eine lauwarme mehr oder weniger appetitliche Mischung aus Dörrfrüchten, Gummibärchen, Parmesan und Totenbeinli. Ein kleines Täschchen mit Abteilen, am Gurt des Rucksacks, bei dem du auch in der Nacht den Reissverschluss findest, tut da einen guten Dienst. Der Nachschub ist dann im Rucksack und kann bei kleinen Halten nachgefüllt werden.

Das Trinken ist sehr wichtig. Eigentlich genügt Wasser (in einem Sack im Rucksack oder mit kleinem Fläschchen in der Hand, das dann aus dem Sack oder am Brunnen nachgefüllt werden kann. Etwas gesüsst schadet manchmal nicht, z.B. Schorle. Etwa alle Viertelstunden ein paar Schlucke, bei Halten etwas mehr.

 

 

Es gibt nicht wenige, die schwören auf «Gummibärli», ist da was dran oder holt man sich damit nur einen verdorbenen Magen?

Gummibärli enthalten etwa 75g Kohlehydrate pro 100g. Es ist vorwiegend Zucker. Wenn Du einen Zuckerstoss brauchst, kannst du schon mal Gummibärli essen. Nachteil: durch das Zuführen von viel Zucker wird in deiner Bauchspeicheldrüse mehr Insulin ausgeschieden und der Zucker schneller abgebaut, was dann wieder zu einer Unterzuckerung führt. Von den Zähnen ganz zu schweigen. Du kannst schon probieren den ganzen Tag Gummibärli zu essen, darfst aber damit nicht aufhören und du könntest Magenprobleme bekommen und es verleidet dir. Wenn Du sie für den Endspurt, die letzten Kilometer einsetzen willst, ist dagegen nichts einzuwenden.

 

 

Zum Schluss: Die verantwortlichen Bergführer versprechen ein «Genusswandern». Was für Begriffe bleiben Dir in Erinnerung?

So ein Bergführer mag halt so gut laufen, dass er die ganzen 24 Stunden nur geniessen kann. Als normaler Mensch habe ich die Aufbruchstimmung beim Weggehen am Abend genossen, den Marsch zum Girenspitz hinauf, das Mitternachtsessen, die Gespräche zwischendurch, den Sonnenaufgang auf Golrosa, das Morgenessen am Lünersee, das Verajöchle, ja selbst den Aufstieg zum Drusentor und eigentlich den ganzen Rückmarsch nach Schuders, die Gruppendynamik, das Aufgehobensein durch die Umsicht des Bergführers Bruno Flütsch und seines Gehilfen Peter Joos – ja das habe ich alles genossen.

Ja, wenn ich das so aufzähle, ist fast es fast alles – das "Geschlifer" im Regen über die Alp Fadur hinunter, ein paar eigene Krisen, über die wir schweigen wollen, habe ich nicht so genossen, aber zu einem Gesamtkunstwerk gehört eben auch das, erst dann ist es vollständig.

 

Danke Andres Schnyder