Mehr als 10 kleine Gummibärli

Erste 24h-Wanderung 2010 mit Wetterglück,

ein persönliches Fazit

 

Auf was habe ich mich da eingelassen? Mit 60, kräftig gebaut, übergewichtig und ohne sportliche Vergangenheit 24 Stunden wandern ohne schlafen? „Leicht daneben" bestätigt das Kopfschütteln in meinem Umfeld den Entscheid. Begreiflich: das Rätikon ist kein Sandstrand, sondern ein trutziges Massiv, dass die Schweiz und Oesterreich verbindet. 50 km und 4000 Höhenmeter sind in einem Tag und einer Nacht zu bewältigen.

Die Wanderung wurde auf Freitag den 13. ausgeschrieben, am Mittwoch davor rief der Bergführer Bruno zu einer Krisensitzung: Regen und Schnee bis gegen 2000 Meter sind angesagt, nur Kachelmanns Meteoservice ist mindestens für die Nacht auf Samstag etwas optimistischer. Angemeldet haben sich ausschliesslich Einheimische aus dem Prättigau, die unsere Gegend und das spezielle Wetter kennen. „Darum wagen wir die Durchführung" sagt Bruno, obwohl auch in seinen Augen eine gewisse Unruhe zu sehen ist.

Am Freitag regnets am Morgen in Schuders wie aus einer Autowaschanlage, aber um 18 Uhr, als wir uns zum Start in der Post zum gemeinsamen Essen treffen, ist der Regen dem Nebel gewichen, waschküchenfeucht. Ich kenne nicht alle Teilnehmer und Lust zu langen  Gesprächen hat niemand, eine Anspannung liegt in der Luft. Bruno zeigt wo's lang geht: eine kurze Beschreibung der Route, dass wir an keinem Wettkampf teilnähmen und das oberste Ziel auch für ihn sei, dass alle wieder in Schuders ankommen. „Abschalten, lüften, geniessen" meint er, sei unser Motto, er gehe voraus und bestimme das Tempo. „Wer meint, das Tempo sei ihm zu langsam, soll es umso mehr geniessen". Das tönt für mich wie eine Fremdspache, das Wort „überleben" liegt mir näher als „geniessen". Aber eine Hoffnung bleibt mir: meine gefüllten Taschen mit Gummibärli. Das habe ich bei unserem Sportshirsch und Jäger H. aus Pusserein abgeschaut, der rennt sogar von St. Gallen nach Zürich nur mit Gummibärli!

Nach 19 Uhr geht's endlich los, runter und wieder rauf nach Salfsch und weiter nach St. Anthönien. Leicht erstaunt zeigt sich uns noch kurz die Sonne und bald saugt uns der weiche Waldboden und die Dämmerung auf. Bei der Chleibach-Hängebrücke wird's ernst: Stirnlampen montieren und sich durch den Sumpf nach Aschüel hochtasten. Auf der Strasse nach St. Anthönien geht's leicht wie mit einer Kindergartengruppe, alle sind gut gelaunt, die Schuhimprägnierung hat gehalten und ich selber noch keine Gummibärli gebraucht. Abzweigung ins Gafiental und hoch zum „Edelweiss". Marianne mit Suppe ist bereit und daneben ein wortkarger Ureinwohner jenes Tales. Nun ist Mitternacht vorbei und die „Putzchammere" wartet auf uns, ein steiler Aufstieg zum Gafierjoch, also Zeit für Gummibärli! 700 steile Höhenmeter, die mir tagsüber bestimmt weiche Kniegelenke bereitet hätten. Im Dunkeln gibt's keinen Blick in Tiefe und darum keine Angst, aber die Höhe bringt mich trotzdem zum schnaufen. Das weiche Tempo unseres Führers und die Worte im Rücken von Tommy stossen mich nach oben. Ich lerne umzustellen: früher wanderte ich im Stil „seckle-warte" jetzt im Rhythmus hochsteigen, einatmen und ausatmen. Und zwischen dem Einschnaufen ab und zu eines jener süssen klebrigen Dinger.

Der Sternenhimmel auf dem Gafierjoch erstaunt alle, mindestens Wolken waren vorausgesagt. Unser Marco mit seinen 12 Jahren ist „bi de Lüüte" und mit ihm und den andern 10 geht's runter auf die Oesterreichischen Skipistenmoränen und zwei Stunden später sind wir wieder in der Schweiz, St. Anthönier Joch. Die Nacht verblasst und eigentlich hat Peg hier unsere erste grössere Krise eingeplant. Fehlanzeige, Bärli und Tempo sei Dank, im Gegenteil, zum Sonnenaufgang geht's in einem Abstecher noch zum „Riedchopf". Ich bleibe an der Abzweigung zurück und merke, dass unser Motto „geniessen" kein Fremdwort sein muss. Der Abstieg nach Partnun zerbröselt ohne grosse Emotionen, das Frühstück wartet und wer im Absteigen Mühe hat, merkt dies nun zum ersten Mal so richtig. Jetzt am Früstückstisch  im „Sulzfluh" zieht jeder für sich Bilanz. Man fängt bei den Füssen und deren Blasen an und geht dann alle knackenden Gelenke durch und sucht den Kopf nach dem Schlafbedürfnis ab. Fazit: zuwenig um aufzugeben und zuviel um grosse Sprüche zu klopfen. So ziehen wir uns, wer hat, leichtere Schuhe und Kleider an. Benni zieht die Schuhe für den Rest der Wanderung aus. 12 Stunden Nacktbarfusswandern? Ist das im Rätikon erlaubt? Bruno erlaubt es.

Beim Partnunsee müssen wir uns umstellen: Das Wetter ist besser und wärmer als angesagt und darum ist der Aufstieg zur Carschinahütte fröhlich, aber mit einer gewissen Vorahnung, dass der härteste Teil noch auf jeden wartet. Vorerst lassen uns Aprikosenkuchen und Sonne noch optimistisch dreinschauen. Auch ich selber bin nicht mal zu einem Nickerchen fähig, was ich meistens nach dem Mittagsessen selten verpasse. Habe ich Radfahrerdoping zu mir genommen? Was haben diese Gummibärli neben Glukose noch drin? Ich lese nach: neben Zucker auch Pflanzenöl und vieles was ich nicht kenne und verstehe, zum Beispiel E140, Betacarotin, E903 und bestimmt ganz heikel „färbender Fruchtsaft". Mir ist das eigentlich im Moment egal, ich habe ein ruhiges wohliges Gefühl und möchte  sanft nach Hause trotten. Wir sind nun schon über 18 Stunden unterwegs. Ich merke dies beim Aufstehen, auch bei andern geht das Wandern nicht mehr so rund, alte Verletzungen machen sich bemerkbar, Muskeln schmerzen, reparierte Köperteile melden sich im Kopf. Auf dem Abstieg Richtung „Schweizertor" muss unser Bergführer ungewohnte Wörter hören: „anhalten" oder „langsamer".

Vor dem Schweizertor fallen wichtige Entscheidungen: Kann Dirk mit seinem lädierten Muskel weitergehen, wie steht es um das Knie von Bellinda und ist der letzte Teil für unseren jungen Marco nicht zuviel? Noch könnte man runter auf die Grüscher Alp und jemand könnte die „Patienten" abholen. „Nach dem Schweizer Tor gibt's nur die REGA" sagt Bruno. Jeder testet nochmals sein Befinden und dann wollen alle doch weiter. Die Gruppe gibt auch Kraft, wir sind langsam zu einer Mannschaft zusammengewachsen. Bellinda erhält einen Stützverband,  unser Tempo passt sich den Verhältnissen an. Also hinter den Kirchlinspitzen Richtung Lünersee und ein letztes Mal nochmals 300 Meter Höhe zum Cavalljoch. Ich rede nun nicht mehr so viel, aber auch die andern sind zum Glück eintöniger.

Die folgende Strecke kenne ich, male mir aus, dass es nun nur noch abwärts nach Hause geht, also easy. Denkste, jetzt kommt Nebel auf, draussen und in meinem Hirn. Wir sehen wenig, reden kaum mehr und es scheint dass nur noch ein Wunsch Platz hat: nach unten, nach Schuders, nach Hause. Aber der „Berg" wie ihn die Schuderser nennen, macht es einem nicht leicht, besonders im Nebel nicht. Immer nur nasse grüne Wiesen, Kuhsumpf, umgelegte Wanderwegpfosten und nun noch einsetzender Regen. So schnell kann also die Moral kippen, denke ich. Unsere „Leidenden" sind aber „zäch" und beschämen mich, dem eigentlich nichts fehlt. Endlich das Schuderser Maiensäss und endlich eine Kiesstrasse. Man kann wieder nebeneinander  gehen, zwar nicht mehr wie eine fröhliche Schulklasse, aber alle kommen wir zusammen ans Ziel. Ein Ziel unseres Bergführers geht in Erfüllung.

Aber auch in Schuders scheinen sie  froh zu sein, dass wir zurück sind. Zu unserer Ueberraschung empfangen sie uns mit Kuh-Glocken und einem Schluck Gebranntem. Beim anschliessenden Pizzaessen ist praktisch bei allen der Adrenalinspiegel noch auf Hundert. Ein Schluck Rotwein fördert das „Runterfahren" der Emotionen, der Körper hat schon längst die Betriebstemperatur gesenkt und freut sich auf eine horizontale Erholung. Ich tauche ab mit der Gewissheit, „bsunders hübschi" 24 Stunden erlebt zu haben.

Walter Tschopp, Berggasthaus Post Schuders

Das verlängerte Wanderglück · 2010 
Die 24h-Wanderung Rätikon war ein starkes Erlebnis

Ich bin nur einer von 55, aber zum zweiten Mal dabei. Viele um mich herum sind Neulinge und warten an diesem Augustabend etwas angespannt bis es endlich losgeht. Die Ausrüstung  ist individuell, aber gehört zur gleichen Gattung: Gute Schuhe, Rucksack mit Zwischenfutter und Regenschutz. Auf den ersten Blick eine der üblichen buntgemischten  Wandergruppen, nur beim genauen Hinsehen erkennt man den einen oder anderen Bergführer. Und trotzdem: Diese Wanderung gehört zum schönsten und besten was ich in meinem Leben schon erwandert habe.

24 Stunden  wandern, zwar mit Pausen, aber ohne den gewohnten Schlaf? «Das könnte ich nie – hält man das überhaupt durch? – das ist doch nur was für Spitzensportler» so tönt es um mich herum, meistens mit einem Lächeln, das man für Spinner übrig hat. Ich war schon mal dabei und weiss aus Erfahrung:  Hier geht es nicht um Leistung und Wettkampf, hier erlebt man  abschalten, loslassen und geniessen ganz praktisch. Am Schluss ist man dann trotzdem etwas stolz auf sich und seine Füsse: 50 Kilometer und 4000 Höhenmeter hat man nach diesem 24-Stunden-Tag in den Beinen.  Ein Ding für jedermann? Vielleicht doch nicht ganz, aber fast für alle die gerne länger wandern. Ein Bergführer beschreibt die Anforderungen so: «Wer  5 Stunden ohne Beschwerden wandern kann, schafft auch 24 Stunden ohne Überforderungen und körperliche Schäden». Verantwortlich dafür sind die Bergführer, die dieses Projekt leiten, sie sind für Tempo und Sicherheit besorgt. Und ein anderer Führer kreiert den Begriff «Genusswandern», weil bewusst auch der Puls nicht an seine Limiten «gepuscht» wird.
Gestartet wird in Schuders, einer kleinen Gemeinde oberhalb von Schiers im Prättigau. Die Strasse ist schmal, führt zuerst über die weltberühmte Salginatobelbrücke und dann in etlichen Kurven bis zur Endstation auf 1300 Meter Höhe. Unerwartet öffnet sich die Arena  des Rätikon, alles atemberaubende Felswände, die unsere Landesgrenze  abstecken:  Drusenfluh, Sulzfluh, bis zur Gargellenmadrisa. Knappe 3000er, die im Abendrot ihrem Ruf als Dolomiten der Schweiz gerecht werden. Berühmt sind sie in Kletterkreisen dank weltmeisterlichen Routen und als grenzüberschreitendes Wanderparadies mit unzähligen Möglichkeiten zwischen oesterreichischem Montofan und dem Bündner Prättigau.
Ich gehöre zur ersten von vier Gruppen, die nach 19 Uhr mit «Forti» unserem Bergführer Richtung St. Antönien starten. Die andern Gruppen wählen andere Routen: in 24 Stunden werden wir uns wiedersehen! Locker, fast ein wenig übermütig leiten uns die letzten Sonnenstrahlen und im Weiler Salfsch blicken wir ein letztes Mal zurück nach Schuders. Den folgenden Wanderweg liebe ich im Hochsommer besonders, er ist weich und schlängelt sich im Sunniwald dahin und überquert eine elegante Seilbrücke. Nach drei Stunden gibt’s in St. Antönien die erste Pause. Der angekündigte Vollmond lässt auf sich warten, das stört uns wenig, denn nun geht’s das erste Mal aufwärts ins Gafiental. Im hintersten Maiensäss gibt’s die urgemütliche Wirtschaft «Edelweiss« und dort wartet  Marianne mit einer Suppe auf uns.

Mitternacht ist nun vorbei und vor uns liegt die Putzchamere, der steilste Aufstieg unserer Route aufs Gafierjoch. Ich habe vorgesorgt und kaue schon mal auf einigen Gummibärli rum, legales Kolenhydrat-Doping pur! Und jetzt kommt auch noch der Vollmond und zieht uns aufwärts. 

Oben sind wir nun auf der Oesterreicher Gargellenalp und können ohne Stirnlampen den Rest der Nacht im Vollmond geniessen. Dann geht’s runter wieder in die Schweiz zum Frühstück nach Partnun. Wir haben bereits die Hälfte hinter uns, grosse Müdigkeit? Nicht wirklich, eher ein wohliger Abstand zum Alltagsstress und so können wir nun den Prättigauer Höhenweg unter den imposanten Felswänden des Rätikons im Sonnenschein geniessen.  In der Carschinahütte gibt’s Aprikosenwähe mit Rahm und einem kleinen Nickerchen und bald  ersteigen wir einen der Höhepunkte: Das Schweizertor,  bekannter Übergange nach Oesterreich.
Im benachbarten Ausland, hinunter zum Lünersee am frühen Nachmittag des zweiten Tages, erlauben die heissen Fusssohlen und müden Oberschenkel keinen Freudentanz mehr. Es ist allerhand los auf dieser «Wanderstrasse» um den Lünersee. Die tüchtigen Oesterreicher haben Ihre Berghütte gewaltig ausgebaut, allein auf der Terasse haben über 300 Besucher Platz! Wir zweigen aber vorher ab und zum letzten Mal geht’s «naufi» zurück zur Schweizergrenze. Die folgende Pause haben wir verdient und wir freuen uns, dass sie etwas länger ist als auch schon. Jetzt wo wir Richtung Schuders und das Ende sehen, schleicht sich auch bei mir eine sanfte Müdigkeit von den Zehen bis zu den Haarspitzen hinauf. Nicht dass mir ein Körperteil Schmerzen bereiten würde, aber die Aussicht auf einen kühlen Schluck, einen warmen Teller und eine Umarmung meiner Frau setzen sich in meinem Kopf fest und ziehen meinen Körper vorwärts.
Das Finale heisst für unsere Gruppe einen  Abstieg von 900 Höhenmetern vom Cavelljoch nach Schuders, vorbei an alten Militäranlagen und  neugierigen Kühen. Das kenne ich auch von anderen Wanderungen: «Höhe vernichten» nenn ich das und hoffe, dass es nicht allzu steil abwärts geht. Zum Schluss einen Aufstieg wie andere Gruppen, wär das besser? Kaum, denn die Schlussphase hat es meistens in sich, Reserven aktivieren  und sich freuen, dass das Ziel bald erreicht ist. Und so war es dann auch: Fast pünktlich kommt eine nach der anderen Gruppe an den Ausgangspunkt zurück, Kuhglocken, Bravorufe und strahlende Gesichter empfangen die vielen Wanderer. Die grosse Müdigkeit kann warten, jetzt muss jeder erzählen, essen, trinken und sich freuen, dass alles so glücklich abgelaufen ist. Stolz ist auch dabei, weniger über eine super Sportsleistung, vielmehr über ein Gruppenerlebnis, das einmalig ist und zusammen erwandert wurde. 

24h-Wanderung im Rätikon wurde 2011

ein Riesenerfolg!

Sie haben sich alle freiwillig gemeldet, die 55 Teilnehmer der zweiten 24-Wanderung, am 12/13. August 2011 im Rätikon und keiner hat es bereut.

Mit Kuhglocken und Applaus wurden sie in Schuders am Samstagabend  in Empfang  genommen. In vier Gruppen, von einheimischen Bergführern geleitet, umrundeten sie das Rätikon auf verschiedenen Routen. Das ergab die beachtliche Distanz von 50 Kilometern und etwas mehr als 4000 Höhenmetern.
Der Schuderser Event wurde dieses Jahr zum zweiten Mal durchgeführt, mit mehr als zweidrittel Frauen, vielen Einheimischen, aber auch etlichen aus dem «Unterland» und Tessin.

Und wie erging es Wanderern in der Nacht?  Es gab schon die eine oder andere Krise, aber ein Teilnehmer sagte es treffend: «Das ist wie eine lustige Freinacht», aber ohne Alkohol, der Vollmond  gab genügend Auftrieb. Für viele auswärtige Teilnehmer  war der Anlass eine Entdeckung des Rätikons. Erstaunt über das riesige Wandergebiet, versprachen alle, dass sie nun vermehrt ins Prättigau kommen wollen, auch tagsüber…